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Interview: WEIDENBAUM
Titel: Angesichts des sicheren Untergangs

Kein Zweifel, hier hat einer genau verstanden, worum es geht. Glücklichweise alles andere als artifiziell geht dieser enorm idealistisch gesinnte Multiinstrumentalist auf seinem aktuellen zweiten Album „Raue Winde und blasse Schwingen“ vor.

Erschaffen wurde ein Werk, welches betont poetisch geadertes Liedmaterial enthält, das gemeinhin als naturverbunden geschmiedetes Schwarzmetall klassifiziert werden kann.

Überhaupt, der auffallend vielseitig begabte Baden-Württemberger, der sich bei Weidenbaum Lirtes nennt, intuiert seine aufwühlenden Kompositionen noch dazu mit beinahe herkulischen Riff-Attacken und harsch prasselnden Trommelfeuern samt einer riesengroßen Portion an spürbar aufrichtiger gesellschaftlicher Verachtung. Labend.

Mehr noch, die reine musikalische Darbietung auf dieser wohltuend seriös emotionalisierten Düsterplatte ist per se schon sehr tief greifend, doch mit seinen mordsbissigen Hassgesängen kann Freidenker Lirtes zusätzlich noch so manches misanthropisch schimmernde Glanzlicht auf die ebenenreichen Kompositionen aufstecken. Für ein ergiebiges Zwiegespräch zu Weidenbaum wiederum steckten wir beide die Köpfe zusammen.

Ich erkundige mich zu Beginn, wie sich wohl ein idealer Tag für einen Menschen wie Lirtes ausnimmt. Und wir erfahren dazu:

„Das kann sich jeden Tag ändern, je nachdem worauf ich Lust habe und ob ich Einsamkeit oder Gesellschaft, Lärm oder Ruhe bevorzuge. Momentan würde ein idealer Tag einen langen, ruhigen Spaziergang im Wald für mich bedeuten, samt einem neu geschriebenen Lied, welches im Anschluss aufgenommen wird sowie ein gutes Buch oder einen tollen Film. Ich denke ich brauche nicht erwähnen, dass ein Tag leider nur selten vollkommen ideal ist.“

In einigen Rezensionen zum aktuellen Album zogen diverse Schreiberlinge bislang schon recht arg über die Naturverbundenheit des Urhebers beziehungsweise dieses Element in Weidenbaum her. Lirtes, warum hat sich der Mensch nur so weit entfernt vom heiligen Schoß von unser aller Mutter Natur?

„So schlimm habe ich das gar nicht empfunden, ich denke es ging dort auch weniger um das Thema Natur an sich, sondern vielmehr um die etwas künstlich wirkende Naturverbundenheit bei manchen Bands. Im Falle von Weidenbaum stehen die Elemente aus der Natur mehr für die Bildhaftigkeit als für die wörtlichen Begriffe und jedem steht da auch das Recht auf eine eigene Meinung zu.“

Wie wird das alles seiner Meinung nach auf unserer Erde enden? „Ich bin eigentlich nicht wichtig genug, um mich dazu zu äußern und auch weit davon entfernt, mir eine wirkliche Meinung dazu erlauben zu können, aber meine Vermutung: Letztlich fallen alle.“

Wir sprechen nachfolgend darüber, wie sehr die Musik von Weidenbaum eigentlich bislang (besonders in Deutschland) erfolgreich ist. „Kommt darauf an wie man Erfolg definiert. Was Dinge wie Bekanntheitsgrad, Verkaufszahlen oder Ähnliches angeht, vermutlich wenig erfolgreich. Im Ausleben meiner Kreativität und Leidenschaft habe ich hingegen schon etwas mehr Erfolg.“

Das weltweite Genre Black Metal: Worin beziehungsweise in welcher Position sieht Lirtes Weidenbaum inmitten des Ganzen? „Ich selbst sehe Weidenbaum für mich nicht als Black Metal, daher kann ich dazu nur wenig sagen. Die Musik hat zwar einige stilistische Einflüsse aus diesem Genre, aber im Großen und Ganzen passt sie dort nicht wirklich rein und steht irgendwo anders.“

Die Hörer erwartet auf „Raue Winde und blasse Schwingen“ laut Aussage von Lirtes auf musikalischer Ebene eine Mischung aus hart und sanft, langsam und schnell, laut und leise:

„In den ersten acht Stücken sind verschiedene Metal-Arten mit einigen akustischen Elementen wieder zu finden, in dem neunten werden die vorherigen Stücke in einem zehnminütigen Orchester-Medley neu interpretiert.“

Zu der Zeit, als er die aktuellen Stücke geschrieben und aufgenommen hat, so der Baden-Württemberger Multiinstrumentalist, hat er hauptsächlich Klassik und Soundtracks gehört.

„Haupteinflüsse wären dementsprechend wohl Franz Schubert, Howard Shore, Clint Mansell und Danny Elfman – in wie weit die dann wirklich herauszuhören sind, kann ich nur schwer beurteilen.“

Im Gegensatz zum Erstlingswerk ging laut anschließendem Bekunden von Lirtes alles sehr schnell. Er resümiert:

„Ich hatte Songskizzen, die sich seit 2007 angesammelt hatten. Als "Nebellieder und Nachträume" im Herbst 2008 veröffentlicht wurde, hatte ich den nötigen Elan mich an die neuen Lieder zu wagen. In wenigen Wochen wurden aus den Skizzen dann fertige Songs, wobei vieles sehr spontan entstand oder geändert wurde. Das Intro zu "Der Ruf der Schwingen" beispielsweise habe ich nachdem alles bereits gemischt war, nochmals umgeschrieben. Die Zeit in der ich an den Liedern arbeitete und sie aufnahm, war für mich eine sehr intensive, da Musik für mich der einzige Weg war, mich fallen zu lassen und für eben diese Zeit zurück zu mir selbst zu finden.“

Er ist mit seinem Teil der Vocals, dem Geschrei und Geflüster, dieses Mal recht zufrieden, wie in Erfahrung zu bringen ist: „Rückblickend würde ich ein paar Stellen etwas anders interpretieren oder neu aufnehmen, aber das geht mir immer so. Mir wurde beim Schreiben der Lieder sehr schnell klar, dass der Klargesang dieses Mal eine weitaus größere und wichtigere Rolle einnehmen würde und ich selber nicht mal ansatzweise gut genug singen kann, um meinen Ansprüchen gerecht zu werden. Als logische Konsequenz habe ich zu Beginn der Aufnahmen Alvar Eldron von Autumnblaze beziehungsweise Sidewaytown gefragt, ob er den Klargesang übernehmen würde, da seine Stimme die war, die ich für die Lieder im Kopf hatte und er ein weitaus mehr erfahrener Musiker ist als ich. Er hat sofort verstanden, wo ich mit dem Gesang hin wollte und hat meiner Meinung nach super Arbeit geleistet. Ohne seine Hilfe wäre ich wohl auch heute noch nicht an dem Punkt, das Album veröffentlichen zu können.“

Reale Einflüsse für seine Kunst kann Lirtes mir keine nennen, da er, wie er sagt, sich nicht bewusst an irgendetwas orientiert oder Gelesenes als Inspiration aufsaugt.

„Sicherlich gibt es viele Bücher oder Filme, die mich sehr geprägt oder begeistert haben, dies hat aber keinen bewussten Einfluss auf meine Art zu schreiben. Meine Texte sind primär Gedanken, Sehnsüchte, Hoffnungen und Ängste, die ich dann in eine für mich ansprechende Form kleide. Für Außenstehende sind sie wohl eher wie ein flüchtiger Blick durch ein Schlüsselloch in ein unbekanntes Zimmer: Man erkennt grobe Umrisse und macht sich anhand dessen ein eigenes Bild, welches mit dem eigentlichen Zimmer jedoch nur teilweise übereinstimmt. Ich sehe es als kreativen Selbstausdruck, genauso wie das Schreiben eines Liedes. Im Übrigen ist das Zusammenspiel von Text und Musik für mich extrem wichtig, sie müssen sich gegenseitig ergänzen. Wenn ich einen Text geschrieben habe, weiß ich meistens bereits wie er gesungen oder geschrieen werden muss.“

Die neuen Liedertexte sind nicht selten latent gesellschaftskritisch und misanthropisch. Und, ja, die Menschheit in all ihrer Arroganz, Heuchlerei und Verfälschtheit kann einem schon nicht selten die Lebensfreude verleiden. Kennt ein Mensch wie Lirtes so was wie echten Frust?

„Natürlich, vielleicht sogar mehr als manch Anderer, sonst bräuchte ich die Musik nicht so sehr. Nicht selten ist auch sie ein Auslöser für Frust, gerade wenn es nicht so läuft, wie es geplant war. Als das Album fertig war, dauerte es eine geraume Zeit, bis ich mit Düsterwald ein kleines, engagiertes Label fand, die mir genug Vertrauen entgegenbrachten um es zu veröffentlichen. Diese Zeit zwischen der Fertigstellung und dem Kontakt mit Düsterwald war ziemlich frustrierend, da ich keine Ahnung hatte, ob es überhaupt zu einer Veröffentlichung kommen wird. Bei den Aufnahmen ist das manchmal nicht anders, wenn man sich Stunden mit einem Song aufhält, weil man selbst nach dem x-ten Take nicht zufrieden ist. Allerdings denke ich, dass jeder Mensch so etwas wie Frust kennt, meist läuft nur wenig im Leben so, wie man das gerne hätte.“

Und was erfreut meinen Gesprächspartner auf dieser Welt? „Da gibt es einiges: Angenehme Gesellschaft und vernünftige Gespräche, faszinierende Natur (egal ob Landschaften oder Tiere), verschiedene Formen von Musik, Literatur und Film und manchmal einfach nur ein gutes Bier nach einem langen Tag.“

Live-Auftritte 2010 auf Bühnen vor Publikum wird es laut Lirtes vermutlich eher nicht geben. „Aus persönlichen, zeitlichen und musikalischen Gründen wird das in naher Zukunft nichts. Ich erhoffe mir jedoch von Weidenbaum in 2010, dass das aktuelle Album etwas mehr Anklang findet und somit die Zukunft für meine Lieder etwas erleichtert. Zudem hoffe ich, das nächste Album in Grundstrukturen fertig zu kriegen, um gegen Ende des Jahres mit den Aufnahmen beginnen zu können.“

© Markus Eck, 14.04.2010

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