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Special: Female Gothic Metal
Titel: Schwermetallische Gleichberechtigung

Frauen als Sängerinnen beziehungsweise Musikerinnen und Künstlerinnen an sich im Metal sind seit nicht wenigen Jahren vollauf etabliert als auch größtenteils von den Fans akzeptiert.
Das weiß jeder.

Wovon allerdings eventuell nicht jeder ausreichend Kenntnis hat:
Diese Musiksparte wurde anfangs ausschließlich von männlichen Protagonisten dominiert.

Weibliche Repräsentantinnen hatten in dieser zugespitzt maskulinen Testosteronwelt bis Anfang der 80er Jahre so gut wie nichts zu suchen.

Bitch
Die Initialzündung für eine ausschlaggebende Änderung kam – wie so oft bislang – auch hierzu aus den USA:
Dort machte sich nämlich die aus Los Angeles stammende Heavy Metal-Band Bitch mit Frontfrau und Sängerin Betsy Bitch daran, die Geschicke im Schwermetall auch zugunsten zugeneigter Ladys zu modifizieren.

1983 erschien das Debütalbum „Be My Slave“, welches erst in Amerika, dann auch bei uns für großes Aufsehen sorgte.

Bitch waren schließlich nachweislich die allererste Metal-Band mit Frontfrau überhaupt, die in den vereinigten Staaten einen Plattenvertrag erhielt.

Auch die mächtige Musikindustrie erkannte natürlich schnell, welches gigantische Plus in Sachen Umsatzzahlen entsprechend zurechtgemachte beziehungsweise mit laszivem Image versehene Metal-Amazonen bescheren konnten.

Rasant erwuchs eine spezielle Anhängerschicht, die entsprechend versorgt werden wollte.

Abhilfe wurde auch in Deutschland zügig von einigen wenigen Bands geschaffen, und nachfolgend war besagte Gleichberechtigung nicht mehr aufzuhalten.

So sollte es auch nicht lange dauern, bis dominanter weiblicher Gesangseinsatz im Gothic Metal zu hören war. Bei den ersten Gehversuchen im Genre lediglich noch als femininer Counterpart zu all den bösen Grolltiraden der männlichen singenden Kollegenschaft zu hören, eroberten sich diverse Kehlenartistinnen nachfolgend die Rolle der Frontfrau.

The Gathering
Erstmalig breitenträchtig etablierten sich mit ihren Liedern die Holländer The Gathering, welche der talentierten Anneke van Giersbergen 1994 diesen Posten zukommen ließen – was eine ganze Szene aufhorchen ließ. Solcherlei Vorgehen war ebenso ungewöhnlich wie belebend und vor allem interessant, schon allein wegen der Optik bei Live-Gigs.


Nightwish
Die Presse freute sich, denn solcherlei frisches Metierblut konnte profitabel auf vielen Ebenen vermarktet werden, eben auch auf den Titelseiten vieler damaliger Magazine.

Nach drei Jahren wurden die Vorreiter von der Nachhut überholt.

Denn dann war es endgültig soweit, dass die Welt vom Female fronted Gothic Metal Kenntnis nehmen sollte, ja, musste: Nightwish waren schuld.

Sie debütierten 1997 mit ihrem vorzüglichen Langspielklassiker „Angels Fall First“.

Die klassisch ausgebildete junge hübsche Sopranistin Tarja Turunen bescherte dieser Veröffentlichung weltweit einen wirklich sensationellen Erfolg.

Within Temptation
Ein regelrechtes Lauffeuer hatte begonnen sich auszubreiten: Im selben Jahr offenbarten auch die Kollegen Within Temptation ihr Erstwerk „Enter“, welchem einiger Erfolg, vor allem in der Heimat, beschieden war.

Hauptsächlich Vokalistin Sharon Janny den Adel konnte mit ihren unter die Haut gehenden Leistungen Herzen im Sturm für sich einnehmen.

Hierzulande damalig eher weniger beachtet, bauten sie ihre Erfolgsquote jedoch mit der 2004er Wiederveröffentlichung des opulenten Nachfolgers „Mother Earth“ beachtlich aus.

Und tatsächlich manifestierte sich ganz speziell ab der Jahrtausendwende in vielen Hörerkreisen ein merklich ansteigendes Bedürfnis nach dieser bezaubernden Schöngeistermusik.

Während die omnipräsenten Massenmedien immer noch Schrecklicheres zu berichten hatten und der Metal an sich zeitgleich immer noch brutalere Züge annahm, sehnten sich auch immer mehr Fans inniglich nach träumerischer Romantik, betont angenehmer Emotionalität und etwas hoffnungsvollem Positivismus für die wenigen schönen Stunden des Alltags.

Weltweit machten sich bedauerlicherweise aber eher Abertausende von billigen Nachahmern und lästigen Plagiatoren an ihr ärgerlich halbherziges Werk, was alsbald zu einer inflationären Ausstoßweise von sich immer ähnlicher klingenden Ensembles führte. Bereits also schon wieder Gefahr im Verzug für ein noch relativ junges Genre!


Edenbridge
Die gigantisch hoch gewordene Female Gothic Metal-Flutwelle spülte beständig Newcomer ins Bewusstsein der Hörer.

Darunter auch die Österreicher Edenbridge, die neben überzeugenden Kompositionen mit Sabine Edelsbacher auch über eine attraktive Sängerin verfügten.

Ein echter Lichtblick im Trüben. Edenbridge gelten seither neben Visions Of Atlantis als landesbeste Stilistikvertreter.

So oder so: Man hatte auf einmal die kleine Qual der übergroßen Wahl.





Evanescence & Lacuna Coil
Doch waren solche Bands überhaupt nicht mehr von der Bildfläche wegzudenken. Darunter die noch heute sehr populären Repräsentanten Evanescence und Lacuna Coil. Interessant in diesem Kontext: Allmählich schmückten sich auch immer mehr Metal-Bands mit den bekannten Frontfrauen beziehungsweise deren Gastgesängen auf Alben, das nur bestätigte was viele ohnehin schon wussten: Die Zeit männlicher Vorherrschaft im Metal war längst vorbei. Doch vieles dabei stank stark nach Kommerz.

Fragwürdige Modeentwicklung
Simultan zum ansteigenden und beständigen Erfolg der Genregrößen veränderte sich das Angebot der spezialisierten Versandhauskataloge. Denn das, was die Stars auf der Bühne vorführten, das wollten sich natürlich auch unzählige Mädchen und Frauen weltweit anziehen.

„Totaler Kitsch“, schätzten dies nicht wenige Fans nicht ganz zu Unrecht ein ... so dominierte neben den obligatorischen Darkwave-Düsterlooks auch ein nicht selten übertrieben sinnlicher und allzu augenfreundlicher Epochen-Mix aus Barock, Rokoko und spätromantischer Kleidungsanmut die erdrückenden Sortimente.

Leaves’ Eyes
Alles in allem konnte mit den Jahren die Zahl der Gesandtschaften leider schier nicht mehr überblickt werden.

Die allerwenigsten Bands schafften es, sich dauerhaft zu etablieren, wenn überhaupt.

Eine davon ist definitiv Leaves’ Eyes, die mit Sängerin Liv Kristine beständig Alben veröffentlichten.

Wozu man erwähnen muss, dass ohne die Vorarbeit, die Liv bei ihrer Vorgängergruppe Theatre Of Tragedy leistete, auch Leaves’ Eyes wohl lange nicht der heutige Erfolg beschieden gewesen wäre.

Skyward
Das größte Pech aber überhaupt bislang hatten wohl Skyward: Denn deren selbstbetiteltes Jahrtausend-Debütalbum, veröffentlicht auf einem klitzekleinen französischen Independent-Label im Oktober 2005 und ganz im dynamisch-hochemotionalen Stile früher Nightwish-Glanztaten gehalten, bietet dermaßen fantastisches Songmaterial, dass man die inspirativen Originale, zumindest in der gegenwärtigen Form, beim Hören dieser magischen Zauberscheibe glatt vergisst.

Kürzlich löste sich Skyward, diese in vielen Belangen außergewöhnliche Edelband, zu allem Unglück auch noch auf. Aufgrund mangelnden Erfolgs, wie sie mir mitteilten, während sie das zweite Album schon fertig hatten.

Zu einer Weltkarriere gehört eben auch im fraulich besungenen Gothic Metal mehr als nur gute Musik: Nämlich unbedingter Durchhaltewillen und eine riesengroße Portion an echtem Enthusiasmus für die eigene Kunst.

© Markus Eck, 06.06.2010

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