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Special: Sad Sir
Titel: Musik als Lebenselixier

Als eine der wenigen deutschen Bands aus dieser Sparte können sie bis heute eine absolut aufrichtige, völlig linientreue und überzeugende Weiterentwicklung vorweisen. Über die Jahre seit der 1992er Gründung entwickelten diese schwäbischen Düsterseelen ihren individuellen Sound zu einem hungrig verschlingenden Dark Rock-Gemenge.

Zum markanten Klangbild von End Of Green trägt Sänger Michael Huber bei, besser bekannt unter dem Pseudonym Michelle Darkness. Gitarrist Michael Setzer alias Sad Sir plaudert für mich aus dem schwarzen Nähkästchen.

Welche Band hat dich erstmalig so massiv berühren können, dass es dich nie wieder losließ?


Ich glaube, es waren tatsächlich die Beatles. Das liegt nicht unbedingt an meinem Alter, sondern eher daran, dass meine Tante einen Plattenspieler und eben viele Beatles-Platten hatte. Sie zeigte mir, rein technisch, wie man eine Platte auflegt … und plötzlich war da Musik, Melodien und ein bislang nicht bekanntes Glücksgefühl, Kribbeln – ein bisschen wie sich zu verlieben und ganz laut ‚Yeeeaahh!’ rufen zu wollen.

Als Kind habe ich auch sehr viel Radio gehört, da passierte mir das ebenfalls oft. Zum ersten Mal „Love Like Blood“ von Killing Joke oder „Temptation“ von Heaven 17 – sagenhaft.

„Leaving Here“ von Motörhead, beziehungsweise deren Coverversion davon, hatte mich damals auch nachhaltig erschüttert.

Und da war dieser fiese Typ auf unserer Schule, der mir ein Tape gab und mir gleichzeitig androhte mich zu verprügeln, wenn er es in zwei Tagen nicht zurückbekomme: Das war von Kiss und ich begeistert – obwohl ich die schon toll fand, bevor ich je ein Lied gehört hatte.

Meine größte Erfahrung hatte ich allerdings später mit einem Lied, das „Kids Don’t Follow“ hieß. Mein Freund Jan und ich hatten bei seiner großen Schwester im Zimmer Tapes geklaut – wir waren zehn oder zwölf Jahre alt.

Und da war dieses Lied: Im Intro beendete ein Polizist per Megaphon eine illegale Party und rief die Besucher auf, nach Hause zu gehen, dann würde keiner ins Gefängnis müssen. Dann brüllte einer „One, two three, four“ und das beste Lieder der Welt begann. Irre Melodie, irre Wut, pfeilschnell, Kopf gegen die Wand und die Faust hinterher – nur viel besser und irgendwie auch gefährlich. Wir spulten immer wieder zurück und hörten das Lied immer wieder und wieder, waren völlig im Wahn. Ein Lied hieß „Fuck School“ und ein anderes „I Need A God Damn Job“ – auch attraktiv für kleine Dorfrocker, die gerade erst Englisch lernen. Auf der Kassette stand „The Clash / Stink“.

Jahre später kaufte ich mir allerlei The Clash-Platten, aber fand das Lied trotzdem nicht und eine Platte mit dem Namen hatten die auch nicht. Wahrscheinlich zehn Jahre später erst fand ich heraus: Jans Schwester war mies im Beschriften von Kassetten. Da war schon The Clash drauf, aber eben auch die Mini LP „Stink“ von The Replacements. Bis dahin hatte ich irrsinnigerweise auch The Clash ein bisschen gehasst, weil auf keiner Platte das Lied „Kids Don’t Follow“ enthalten war.

Wie sehr haben dich deine alten Band-Helden beziehungsweise ihre Songtexte in Sachen Sozialisierung geprägt?


Erwischt haben mich hauptsächlich Bands, die mir das Gefühl vermittelten, überhaupt kein Freak zu sein – beziehungsweise die anderen Freaks, die ich durch den gemeinsamen Spaß an deren Musik erst kennengelernt habe.

Während andere schon mit Knutschen anfingen, traf ich mich mit anderen Jungs zum Plattenhören. Einer brachte Judas Priest mit, der andere Motörhead oder wir saßen mit offenem Mund da, weil die Dead Kennedys so wahnsinnig und auch ein bisschen furchterregend klangen.

Die Texte wurden erst später wichtiger, als Kind oder Jugendlicher singt man ja meist in akzentfreiem Fantasieenglisch mit. Die Ramones waren da einfach unterhaltsam, poppig und eine Wundertüte voll mit Hits.

‚Punk‘ oder sowas bedeutete da gar nichts für mich. Ich mochte es einfach, mit Menschen zusammen zu sein, die ähnliche Platten gut fanden und welche hatten, die mir noch gar nicht geläufig waren.

Dass ich irgendwie sozialisiert wurde, geschah da eher nebenbei. Auf ganz doof gesagt: Ich fand Kreator toll, bevor ich wusste, dass deren Frontmann Mille Rassisten auch scheiße findet. Als etwas dunkler Dorftrottel mit Afro auf dem Kopf, war mir das irgendwann sehr wichtig.

Dank meiner Death Metal Leidenschaft war ich auch schon sehr früh fähig, im Englischunterricht mit angeeigneten Sprachkenntnissen anzugeben. Obwohl niemand nach ‚Scheiterhaufen‘, ‚Zerberstender Schädelknochen‘ oder ‚Klassenkampf‘ und so Zeug fragte. Gleichzeitig empfand ich es als 14-Jähriger aber auch saucool „Yankees Raus!“ von Slime mitzusingen, obwohl ich streng genommen keine begründeten Ressentiments gegen US-Amerikaner vorzubringen hatte.

Was muss musikalisch vorhanden sein, damit dich ein Song von einer anderen Band vollauf begeistert?


Mein Ding: Melodie und Rhythmus, gerne auch unbändige Energie. Ich möchte Musik auf gewisse Weise auch ‚erfühlen‘ können. Da mache ich wirklich keinen Unterschied zwischen Bolt Thrower, „Twist & Shout“ von den Beatles oder zum Beispiel „Don’t Stop Me Now“ von Queen. Wenn Freddy Mercury da zu singen anfängt, nimmt man ihm jedes Wort als unverhandelbaren Herzenswunsch ab. Oder Joe Strummer von The Clash – keine Ahnung, ob man das Attitude oder Soul nennt – es spricht mich an. Das Genre ist dann letztendlich ziemlich egal – ein gutes Lied ist ein gutes Lied.

Im Plattenladen unserer Stadt gab’s damals vier Kisten, die sich für mich als interessant erwiesen hatten: Auf zweien stand ‚Hardrock/Metal‘, auf den anderen beiden ‚Punk/Hardcore/Wave/Indie‘.

Ich habe mein Taschengeld ausnahmslos für Platten aus diesen Kisten auf den Kopf gehauen.

Man trug schwarz, war laut und hatte ein Anliegen – einen Unterschied zwischen Kiss, Ramones, Bad Religion oder Kreator habe ich nicht wirklich bemerkt. Dieses Genredings habe ich erst bemerkt als ich mit 15 Jahren auf einem Konzert der Deutschpunk-Band Straßenjungs wegen eines Slayer-T-Shirts verarscht wurde.

Was war das allererste Konzert, welches dir als Besucher pures Adrenalin ins Blut jagte?


Mein allererstes Konzert war – ohne Witz – Geier Sturzflug. Da wartete ich allerdings auf die zwei, drei Hits und dann war’s auch irgendwie okay.

Ich erinnere mich allerdings noch genau an eine Band in der Dorfsporthalle: Tilt nannten die sich, waren wahrscheinlich fürchterlich – aber der Sänger stieg aus einem Sarg, trug Streifen-Stretchjeans und Sonnenbrille. Da überlegst Du mit zwölf Jahren nicht lange und denkst einfach nur ‚Geil!‘. Nach dem Konzert stürzte ein betrunkener Engländer durch eine Glasscheibe im Foyer und alles war voll Blut.

Als ich dann mit 14 Jahren Metallica bei den Monsters Of Rock in Pforzheim gesehen hatte, wurde es noch beeindruckender – damals kannte man seine Bands ja nur von Bildern. Dass die sich tatsächlich bewegen, war irre. Und Metallica waren damals eine Macht. Erstes Lied „Creeping Death“. Toll.

Seltsamerweise ertrank bei dem Konzert im Fluss nebenan ein betrunkener Franzose in gerade mal knöchelhohem Wasser. Da darf man auch nicht zu lange darüber nachdenken. Kurz später als Kreator und Voivod gemeinsam auf Tour waren, kam zum Glück niemand zu Schaden. Danach war ich völlig weggetreten.

Welche Band aus der damaligen Zeit verehrst du heute noch beziehungsweise welcher gehört noch immer dein größter musikalischer Respekt?


Allen. Manchen auch nur aus purer Dankbarkeit, dass sie meine Jugend noch besser gemacht haben als sie eh schon war. Natürlich ist es mir lieber, wenn sich Bands mit mir weiterbewegen. Ich suche heutzutage schließlich auch nicht mehr das Gleiche in einer Platte wie damals als Teenager.

Neurosis zum Beispiel mag ich beispielsweise dafür, dass man gemeinsam älter wird und trotzdem irgendwie stinksauer bleibt. Und ich verehre die Melvins oder Napalm Death für ihre Kompromisslosigkeit. Während ich beispielsweise bei Fields Of The Nephilim oder The Cult denke: ‚Danke für früher, war super‘.

Andererseits freue ich mich auch wenn Bolt Thrower immer noch genau so derb rollen, wie sie das am ersten Tag getan haben. Auch das weiß ich zu schätzen.

Gab es für dich auch positive Überraschungen, die dazu führten, dass du dich für einst von dir verschmähte Bands begeistern konntest?


Viele. Depeche Mode beispielsweise, ich habe habe die Liebe, die dieser Band entgegenschlägt, nie verstehen können. Irgendwann – ich glaube es war bei „Songs Of Faith And Devotion“ – legte es bei mir einen Schalter um.

Bei Placebo erging es mir ähnlich: Fand’ ich so mittelprächtig bis ich als Begleiter zu einem Konzert geschleppt wurde und völlig von den Socken war. Bei Amon Amarth oder Heaven Shall Burn waren auch solche Fälle: Unser Backliner Ernst sagte: ‚Die schauen wir uns an‘. Und dann stehst Du da und fragst dich, wie Dir die Jahre vorher nicht auffallen konnte, wie spitze das ist.

Das Beste daran, eine Band erst spät zu ‚entdecken‘, ist, dass es plötzlich wahnsinnig viele Platten gibt, durch die man sich durchhören darf. Manchmal möchte ich auch begreifen, weshalb meine Freunde eine Band oder einen Künstler derart verehren und höre mir deshalb die Platten an. In den vergangenen Jahren habe ich immer wieder versucht, Bob Dylan besser zu finden. Ich scheine aber noch nicht so weit. Für mich und Springsteen war die Zeit eher reif geworden.

Welche Künstler und Bands haben die Musik von End Of Green von Anfang an eindeutig geprägt beziehungsweise signifikant beeinflusst?


Metallica, Kyuss, Bad Religion und Nirvana waren das wahrscheinlich. Wir waren da alle in einem Alter, in dem viel passierte und man nichtmal Internet dazu brauchte. Einer schleppte Motorpsycho an, der andere die Manic Street Preachers, Warrior Soul oder Helmet, The God Machine, Sophia, New Model Army oder Alice In Chains. Oder ganz käsiger 80er-Glam-Metal. Manchmal war auch viel weniger die Musik der Einfluss, sondern die ‚Attitude‘ von Bands – eine Form von Unverkrampftheit oder beispielsweise die Kompromisslosigkeit, dass ein Lied eben zwölf Minuten lang sein kann, wenn man das möchte oder wenn es halt Sinn machte.

Zu unseren Anfangszeiten kamen fast täglich neue Bands oder Songs hinzu, die uns begeisterten und gleichermaßen neue Wege aufzeigten, wie gut Musik klingen kann. Da konnte es durchaus vorkommen, dass wir innerhalb einer Woche völlig neuer Inspiration von den God Bullies, At The Gates oder Hypocrisy zusagten.

Manchmal reichte auch nur ein einziges Lied: Ich weiß noch, wie wir alle ein paar Wochen lang völlig geflachst waren von „Sullivan“ von Caroline’s Spine.

Uns haftet noch immer ein Type O Negative Stempel an – das finde ich mittlerweile auch nicht mehr schlimm, weil es irgendwie ja nicht die ganze Wahrheit ist. Viele Tricks kamen da eher von den Sisters Of Mercy. Zu Beginn liefen wir auch mal weitläufig unter „Doom" – weil wir halt die Band im Jugendzentrum waren, die einem Lied auch Zeit zum Atmen gab.

Wie verlief das über die Jahre? Ihr wurdet ja stetig eigenständiger als End Of Green … ließ da der anfängliche Einfluss von bestimmten Bands mit der Zeit nach?


Klingt doof, weil völlig plausibel: Man findet sich irgendwann – zumindest grob. Man bekommt eine Ahnung davon, was man kann, was nicht und was Sinn macht. Da die Quellen von Inspiration bei uns seit jeher so weit gestreut waren, fällt mir nicht auf, wenn da etwas nicht mehr so stark durchschimmert. Dafür kommt ja etwas anderes nach.

Ich glaube, der Einfluss anderer Bands auf uns ist relativ gering mittlerweile – beziehungsweise aufgrund der Vielfalt irgendwie auch nicht mehr greifbar.

Mir fiel irgendwann zum Beispiel auf, dass mich Fernsehserien oder Filme ebenfalls inspirieren.

Als ich „Six Feet Under“ geschaut hatte, spielte ich nebenher auf der Couch viel Gitarre – und dann höre ich mir unsere Lieder aus der Zeit an und bin wahrscheinlich der Einzige, der dabei an eine Serie über eine Leichenbestatter-Familie denken muss. Musikalisch ist das ähnlich so: Ich denke bei „Under The Sway“ von uns ab und an an Tomte, bin mir aber sicher, dass ich damit einigermaßen alleine bin – und ich hab’ das Lied nichtmal geschrieben. 



Gerade schleppe ich eine Mix-CD im Auto herum: Entombed, The National, Eddie Money, Lucero, Bruce Springsteen, Steel Pole Bath Tub, Thees Uhlmann, Hellacopters, Repulsion, Rocket From The Crypt, Dwarves, Wolfgang Ambross (…) – keine Ahnung, ob mich das inspiriert. Aber ich genieße jedes Lied davon. Und irgendwie geht’s doch genau darum: Freude und Spaß an Musik.

Die einstigen Bands, die euch bei End Of Green inspiriert haben - welche davon sind deiner Meinung nach auch heute noch gut und hörenswert?


Einige tun das offensichtlich nicht mehr: Kyuss gibt’s in dieser Form nicht mehr, die Sisters Of Mercy haben vergessen, neue Lieder zu schreiben und Metallica nehme ich bestenfalls noch wahr.

Ich freue mich dann aber trotzdem über eine neue Platte von Killing Joke oder Kreator.

Andererseits höre ich noch immer die Ramones und wundere mich jedes Mal, wie man derart genial, alles auf die Essenz runterbrechen kann.

Energie, Melodie und Rhythmus. Das ist noch immer sagenhaft, weil’s so einfach und so geil ist.

Und welche Bands, Künstler und Songs sind auch heute noch - mehr oder weniger - prägender Einfluss / Inspiration für End Of Green?


Manchmal hört sich etwas aus unerfindlichen Gründen irgendwie ‚richtig‘ an. Ich glaube, dass ist die Summe aus der Musik, die man als Teenager gehört hat. Das führt dann auch dazu, dass man drei Mal im Jahr aus Versehen die Basslinie von „A Forest“ von The Cure neu schreibt und für einen kurzen Moment „Ich verdammtes Genie!“ denkt.

„Drink Myself To Sleep“ von uns ist auch so ein Fall. Das klang einfach richtig – und irgendwann sagt einer beim Konzert irgendwo hinter Osnabrück: „Boh, geil. Das erinnert mich an „Killed By Death“ von Motörhead!“ Und plötzlich denkst Du: „Jessas. Das stimmt ja.“ Und jetzt singt Michelle ab und an „Killed By Death“ im Refrain.

Gab beziehungsweise gibt es für dich Musiker anderer Bands, die du eindeutig als ‚Idole‘ titulieren würdest?

Na klar. Für mich ist da Bob Mould ziemlich weit vorne: Ob Hüsker Dü, Sugar oder seine späteren Solosachen. Wenn der Mann die Gitarre anwirft, sitze ich da und genieße einfach nur.

Und ich war oft genug der nervige Fanboy, wenn wir mal gemeinsam mit alten Helden wie Social Distortion oder so auf einem Festival gespielt haben.

Diesen Typen nachzueifern, ist aber nicht der Punkt für mich.

Das ist eher Wertschätzung und ich bin peinlich berührt, wenn Mike Ness sich tatsächlich die Zeit nimmt, meine doofen Fragen zu beantworten, wie zum Beispiel, ob das komische Geräusch im zweiten Vers von „Cold Feelings“ Absicht war – und der sagt „Welches Geräusch um Himmelswillen, Du Freak?“

Und wahrscheinlich werde ich nie den Nachmittag vergessen, als ich mit Mitch Harris und Shane Embury von Napalm Death im Gras lag und über Indie- und Noise Rock-Musik der 1980er-Jahre sinnierte. All dem liegt bei mir allerdings Wertschätzung für das Schaffen solcher Leute zugrunde. Ich kaufe mir weder die gleiche Jacke wie die oder versuche mir ihre ‚Moves‘ draufzuschaffen. Klappt nicht.

Sonstiges, was du zum Gesamtkontext der Fragen noch loswerden magst?


Ich hoffe, dass das Gefühl nie nachlässt, „Ihr Säcke!“ zu denken, wenn jemand anderes ein tolles Lied schreibt. „My Baby Works In A Liquor Store“ von Jack Frost beispielsweise. Da gibt’s nur eins: Hut ziehen, gratulieren und genießen.

© Markus Eck, 04.07.2016

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